
Gerne zugespitzt. Nicht die Wirklichkeit. Meine Wirklichkeit. Von Wolfgang Stock, Ex-Cheflektor ECON Verlag.
Foto: Daniel Biskup.
Neulich ein Blick auf die SPIEGEL-Bestsellerliste: alles bestens, alles bunt gemischt. Aus Spaß habe ich einmal nachgezählt, wie viele Autorinnen und Autoren dort vertreten sind. Das Ergebnis: 31 zu 9 – klarer Vorsprung für die Frauen. Was ist los mit uns Männern?
Vor einigen Jahren sprach ich mit einem der bedeutendsten deutschen Buchhändler, einem Mann, der die Branche kennt wie kaum ein anderer. Eine Bemerkung blieb mir besonders im Gedächtnis: Die wichtigste Zielgruppe seines Hauses seien Frauen zwischen 17 und 35 Jahren. Männer und ältere Leserinnen und Leser, so sagte er, seien deutlich schwerer in die Buchhandlungen zu locken und komplizierter anzusprechen. Deshalb lege man großen Wert darauf, dass sich junge Frauen in den Läden wohlfühlen.
Das war aufschlussreich. Dass der Buchmarkt seit Langem stark weiblich geprägt ist, war bekannt. Doch wie sehr Frauen den wirtschaftlichen Motor dieser Branche am Laufen halten, wird erst beim genaueren Hinsehen deutlich. Wer heute Bestsellerlisten studiert, gewinnt schnell den Eindruck, dass Literatur – sowohl die Belletristik als auch das Sachbuch – vor allem von Frauen geschrieben, gekauft und gelesen wird.
Frauen prägen den Markt als Autorinnen ebenso wie als Publikum. Die Bücherwelt ist eine Branche von Frauen für Frauen über Frauen. Themen, Sprache und Gestaltung vieler Bücher richten sich sichtbar an weibliche Leserinnen. Besonders auffällig ist dies im Krimi-Genre und bei Fantasy. Kein Wunder also, dass zahlreiche Verlage ihre Programme in den vergangenen Jahren immer stärker auf ein weibliches Publikum zugeschnitten haben.
Für uns Männer ist das keine besonders schmeichelhafte Entwicklung. Denn offenbar tragen wir selbst einen Teil der Verantwortung dafür, dass die Buchbranche um ihre männlichen Leser kämpft. Sind Frauen am Ende einfach die leidenschaftlicheren Leser? Wo sind die Männer geblieben? Sitzen sie tatsächlich lieber vor dem Fernseher oder verbringen ihre Freizeit auf dem Golfplatz? Oder fordert der Berufsalltag so viel Energie, dass für konzentriertes Lesen kaum noch Raum bleibt?
Wahrscheinlich steckt von allem etwas darin. Sicher ist nur: Die Entwicklung verstärkt sich selbst. Buchhandlungen wirken zunehmend weiblicher in ihrer Ansprache, Verlage investieren ihre Werbebudgets bevorzugt in Frauenzeitschriften, und viele Themen orientieren sich immer stärker an den Interessen weiblicher Leserinnen. So entsteht eine Spirale, die den Abstand weiter vergrößert.
Und natürlich bleibt der Spott nicht aus. Die Frauen zeigen uns Männern inzwischen ziemlich deutlich, wer im Kulturbetrieb den Ton angibt. Der Mann als Buchkäufer? Fast schon ein Exot.
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